Kurzfassung Dorfgespräche 2|5 mit Michael Pelzer, 16.02.2016

»Vom ICH zum WIR - Bürgerbeteiligung«

Weyarn ist eine kleine Gemeinde mit 21 Dörfern, ca. 35 km vor München. Der direkte Anschluss an die Autobahn bringt vermehrt viel Verkehr durch den Ort. Der Zuzugsdruck aus Ballungszentren nimmt zu, die Grundstückspreise steigen, junge Menschen wandern ab. So war die Lage Ende der 80er Jahre.

Factbox

Schwarzenberg
2.012    
26 km²
ca. 600
61

Wildpoldsried
Einwohner    3.500    
Fläche    46,68 km²
Arbeitsplätze    ca. 700
Landwirte    51

Nach 18jähriger Tätigkeit im Gemeinderat stellte sich Michael Pelzer als Alternative zum einzigen Kandidaten für die Bürgermeisterwahl und gewann zum Erstaunen aller. In den 24 Jahren als Bürgermeister entwickelte er die politische Kultur der Bürgerbeteiligung. Um neue Ideen zu erhalten ging BM Pelzer mit den 16 Gemeindemandataren und weiteren interessierten Bürgern „auf Tour“. Spannende Diskussionen starteten schon im Bus. Die Aktivierung der Bürger für das positive Gemeinwohl war der entscheidende Schritt und wurde zur Daueraufgabe.

Zur Bestandsaufnahme wurden in 18 Monaten alle
Bürger befragt: Wer sind wir? Was können wir?
Welche Potentiale und Chancen haben wir? Wie sieht unser Umfeld aus? Welche Partner gibt es für uns?
Dies war die Basis für ein Leitbild mit klaren Antworten zu: Wo wollen wir hin? Wer wollen wir sein? Was brauchen wir noch dazu? Die Bürger waren sich einig, dass Weyarn nicht zu einem Vorort von München „ verkommt“, sondern eine selbstständige ländliche Gemeinde bleibt!

Mit Themenabenden und Bürgerwerkstätten wurden Bürger für Arbeitskreise gefunden und als Fachgremien installiert. Mit Unterstützung eines Moderators erarbeiteten die Gruppen neue Projekte und präsentierten sie. Diese öffentliche Auseinandersetzung mit Kritikern verbesserte die Projekte meist noch.
Eine verbindliche Mitmach-Satzung regelte die Arbeitsweise und die Zusammenarbeit mit dem Gemeinderat. BM Pelzer: „Es ist schon empirisch falsch zu glauben, der versammelte Sachverstand säße im gewählten Gemeinderat.“ Durch diese Öffnung zu den Bürgern erhöhte sich das verfügbare Wissen.

Alle sieben Jahre wird das Leitbild überprüft und ein Stimmungsbarometer in der Bevölkerung erhoben. Das geschaffene Mitmachamt und die Moderatoren kosten zwar Geld, doch jeder eingesetzte Euro verdreifacht sich nachweislich als Wertschöpfung. Dazu braucht es Menschen, die sich beteiligen, aber auch eine Gemeindeverwaltung, die dies zulässt.

Weyarn wurde zum Synonym für Bürgerbeteiligung –
viele interessante Fakten sind auf www.weyarn.de
nachzulesen.

Beispiele für Arbeitskreise in Weyarn

Ein Arbeitskreis beschäftigte sich mit der Geschichte von Weyarn. Nur wer die Vergangenheit kennt, kann seine Zukunft gestalten. Dies machte die Bürger stolz und schaffte Identitätsbildung. Es ist spannend geworden, sein eigenes Wissen einzubringen.
Der Arbeitskreis Altersplanung hat alle Bürger im Alter 60+ befragt, was wollt ihr mit 75 machen und wo wollt ihr wohnen. Somit wurden die ersten 88 Wohnungen gebaut und davon 71 von Weyarn Bürgern gekauft.
Der Arbeitskreis Straßengestaltung hat sechs Jahre geplant. Mittlerweile ist die Umgestaltung vollzogen. Es gibt Patenschaften für Grünstreifen etc. Pate zu sein ist etwas Besonderes. Das Ehrenamt wurde wieder eine Ehre!

Download der Präsentation von Michael Pelzer
Download Kurzzusammenfassung

Die BesucherInnen hatten währenddes Abends Gelegenheit Ideen und Anregungen sowie Hindernisse für Bürgerbeteiligung in Schwarzenberg zu formulieren. Ein kleiner Auszug aus den wertvollen Ideen und identifizierten Hindernissen.

Ideen und Anregungen

  • Patenschaften ermöglichen (Spielplatz, Laterne, Bushaltestelle ...)
  • Vorträge zu Umweltthemen organisieren
  • Ländliche Qualität erhalten kann ein Wirtschaftsfaktor sein; Öko-Modell-Region
  • Anfangen und tun;
  • Engagement der Bevölkerung zulassen
    und unterstützen
  • Mehr Bürgerversammlungen, Themenabende, mehr Begegnungen für Jung und Alt
  • Professionelle Unterstützung der Engagierten
  • Austausch und Kooperationen mit anderen Gemeinden

Mögliche Hindernisse für Beteiligung

  • Reserviertheit der Leute, Bequemlichkeit – andere sollen Verantwortung übernehmen
  • Ist wirkliche Bürgerbeteiligung gewollt? Kann das unsere Gemeindevertretung?
  • Mangelndes Interesse, fehlende Information, schlechte Kommunikation
  • Der Wunsch nach Bürgerbeteiligung wird noch nicht deutlich genug als „erwünscht“ signalisiert.

 

 

Über Michael Pelzer

Zur Person: Michael Pelzer, 1947 in Schliersee geboren, war Jurist, Dozent und führender Verwaltungsbeamte im Staatsdienst. Michael Pelzer wurde in verschiedene Organisationen berufen, so in die "Bayerische Akademie ländlicher Raum" und in die "Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung". Er ist Vorsitzender der Bundesjury des Wettbewerbs "Unser Dorf hat Zukunft". 

Von 1990 bis 2014 war Michael Pelzer Bürgermeister der Gemeinde Weyarn. In dieser Zeit hat er den Weyarner Weg der Bürgerbeteiligung entwickelt, welcher heute noch weiter begangen wird. Seine Arbeit zur aktiven Einbindung und Beteiligung der Bürger wurde mehrfach ausgezeichnet.

Gemeinde Weyarn

Michael Pelzer beantwortet u.a. folgenden5 Fragen:

  • Was sind die Kennzeichen und Rahmenbedingungen einer lebendigen Bürgerbeteiligung?
  • Welches sind die wichtigsten Player und wie definieren sich diese?
  • Bei welchen Themen soll beteiligt werden?
  • Wieviel Geld kostet die Bürgerbeteiligung, welchen Nutzen stiftet sie? Lohnt es sich?
  • Wie haben Sie es geschafft, den Funken in den Bürgern zu entzünden?